Wiener Zither Zeitung

XVII. Jahrgang Nr.4    Wien, am 25. Februar 1903.

 

Zum achtzigsten Geburtstag des kaiserl. Rathes Alois Götz k.k. Forstmeister i.P., in Innsbruck Wilten.

 

Das lebhafte Interesse, welches in unseren Kreisen gegenwärtig der Guitarre entgegengebracht wird, veranlaßt uns, unsere verehrten Leser heute mit dem nestor der österreichischen Guitarristen bekannt zu machen, der, ein ganzes Menschenalter der Pflege des edlen Guitarrespieles weihend, trotz der vielen Enttäuschungen auch heute noch als jugendfrischer Greis mit derselben Begeisterung die Laute spielt, wie in seinen glanzvollen Tagen am Hofe des kunstliebenden Königs Ludwig II. von Bayern, ein leuchtendes Vorbild an Überzeugungstreue für unsere Mit- und Nachwelt.

Indem wir den in seltener geistiger und körperlicher Frische heute noch musikalisch tätigen Jubelgreis anläßlich seines 80.Geburtstages auf das herzlichste beglückwünschen, überlassen wir nunmehr einem Freunde unseres Blattes, dessen Liebenswürdigkeit wir Bild und biographische Skizze verdanken, das Wort.

Von seinem Bruder August, der ein virtuoser Spieler war, in die Geheimnisse des edlen Guitarrespieles eingeweiht, hatte Götz schon in seiner Studienzeit, – er trat 1840 in die k.k. Forstakademie in Mariabrunn bei Wien ein – Gelegenheit, in dem von ihm mit einigen Freunden geschaffenen. Institutsorchester in Verein mit Flöte, Violine und Cello die praktische Verwendbarkeit der Guitarre zu erweisen.

Nach Absolvierung seiner Studien zum Forstkandidaten nach Aussee ernannt, war Götz mit seiner Laute in kurzer Zeit ein beliebter Begleiter der dortigen Sänger und Sängerinnen, deren mehrstimmige Lieder, gleich den herrlichen Weisen des zu jener Zeit berühmten, den Erzherzog Johann so begeisternden Steyrer Geigers Hermann Roithner, in seiner Ausseer-Steyrer-Liedersammlung uns zum Theile erhalten geblieben sind. Insbesondere die „Steyrischen Alpenrosen.“, „Jochprunellen“ und „Dachstoanbröckerln“ erinnern an den seelenvollen Geigenstrich Roithner’s und wird diese im Verlage von Johann Andrè in Offenbach a.M. erschienene, speziell für Guitarre bearbeitete Sammlung Guitarrefreunden gewiß willkommen sein.

Allerdings hatte Götz damals noch keine Ahnung von den schönen Accordfolgen, wie sie heute unter seinen Händen erklingen und erst durch dass Spiel eines alten Wieners, namens Schultz (1844), der viele Jahre in England gelebt hatte, auf diese Herrlichkeiten aufmerksam gemacht, vertiefte er sich in Schubert und Mendelssohn und stoppelte sich nach dem Klavier seine reiche Accordfolge für alle Tonarten zusammen.

Einige Jähre später treffen wir den eifrigen Förster-Musikus im Pusterthale, wo er nicht nur Guitarre-Solospiel, sondern auch Gesangsbegleitung- und in Verbindung mit Flöte und Violine Terzettspiel betrieb, ja sogar einmal zur höheren Ehre Gottes und — der auch Zerstreuung der Andächtigen die streikende Orgel durch die Guitarre ersetzte und in der Folge auch die Kirchengesänge mit den landesüblichen Sängerinnen – allerdings nur mit den jüngeren- einpaukte.

In Innichen fand Götz in dem Maler Wach (Bilder seiner Eltern?), der nicht nur ein vorzüglicher Geiger, sondern auch ebensolcher Zitherspieler war – es war freilich nur die in den Fünfzizer-Jahren übliche Zither mit 3 Griffbrett und 15 Begleitsaiten, – einen begeisterten Compagnon, und Ohrenzeugen erinnern sich noch heute mit Vergnügen an die gelungenen Vorträge dieser Beiden in Reutte, woran die Guitarre, welche die der damals noch primitiven Zither sowohl in der Melodie, wie auch der Begleitung fehlenden Töne auf sich nehmen mußte, den Löwenantheil hatte.

Anfang der Sechziger-Jahre betrieb Oberförster Götz in Ried mit seinen Freunden, dem Cooperator Falkner, Dr. Mürzer und seinem damals noch jungen, nun schon in die Ewigkeit eingegangenen Gesangs- und Guitarreschüler Ferd. Maaß auch den classischen Gesang und zeigt seine aus jener Zeit stammende Liedersammlung von seinem großen Fleiß und tiefen Verständnis. In diese zeit fällt auch seine Glanzperiode, während welcher er wiederholt Gelegenheit hatte, vor dem kunstsinnigen König Ludwig II. von Bayern zu spielen.

Nach seinem, im Jahre 1880 erfolgten Übertritt in den Ruhestand und seiner damit verbundenen Übersiedlung nach Innsbruck, wiederholt von wißbegierigen Schillern heimgesucht, entschloß sieh Götz, durch die vorhandenen so überaus „mageren“ Guitarreschulen theilweise gezwungen, eine der Mannigfaltigkeit und Leistungsfähigkeit des Instrumentes angepaßte neue Guitarreschule zu schreiben und diese infolge der Muthlosigkeit der Verleger auch selbst herauszugeben.

Diese Reform-Guitarreschule, jetzt im Verlage von Johann Andrè in Offenbach a.M. in Commission bei Bosworth & Cie. in Wien XVIII., Währingerstraße 96, bietet eine reiche, methodisch geordnete Übersicht der Spielweise und der Eigenart des Instrumentes; sie umfaßt alle Dur- und Moll-Tonarten, auch die bis dahin  als nahezu unausführbar gegoltene B-Dur-Tonart, welche, wie auch einige andere bis dahin fast unbekannte Größen, als: H, Fis, As etc. in einfacher Weise zugänglich gemacht wurden und damit hat sich Götz wohl das hervorragendste Verdienst um die Guitarresache erworben.

Von der vielseitigen Verwendbarkeit der Guitarre durchdrungen, vertritt Götz nicht nur den Standpunkt der Verwerthung der Guitarre als Solo-Instrument, sondern auch im Duo, Terzett und Quartett (im Verein mit Terz-, Tenor- und Baß-Guitarre), hält aber ein Ensemble von Guitarren nicht für passend. Dagegen eignet sich die Guitarre seiner Ansicht nach vorzüglich als Begleitinstrument für Gesang, Violine, Flöte, Zither und Cello-, weniger für Mandoline. Für Zitherensemble empfiehlt Götz die Guitarre als obligat bei Verwendung von nicht mehr als 2 – 4 Zithern mit Streichzither (Melodron) und tritt damit in die Reihe der Anhänger einer Errungenschaft der Neuzeit, des Secessions-Ensemble.

G.W.

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