Ein unter dem Namen „Viennalute“ agierender Biochemiker und Lautenist, der seinen bürgerlichen Namen nicht im Internet wiederfinden möchte, übermittelt seine neuesten Forschungen zum Wienaufenthalt des Lautenisten Esaias Reusner:

Die Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung, beherbergt unter der Signatur „S.A.77.C.1“ ein seltenes „two-in-one Exemplar“ von Esaia Reusner‘s „Neue Lauten-Früchte“ und „Hundert Geistliche Melodien Evangelischer Lieder“ dadurch besonders hervorgehoben, dass dieses Buch der zwei Tabulaturdrucke schon ursprünglich in Jahr 1676 als ein Buch gebunden und auf jeder zweiten Seite mit originalen barocken Kupferstichen illustriert wurde. Ich habe darüber, sowie über die Wasserzeichen zur Klärung der Herkunft / Identität, schon früher berichtet.

Durch umfangreiche Forschungstätigkeit ist es mir nun gelungen, die Herkunft dieses wertvollsten Bücher der Musiksammlung der ÖNB zu (er-)klären. Meine Forschungsergebnisse wurden aktuell in der Publikationsreihe „BIBLOS“ der Österreichischen Nationalbibliothek veröffentlicht (BIBLO 2014(1)63, 131-137 – www.onb.ac.at/biblos).

Unter dem Titel meines Aufsatzes „Esaia Reusers „Neue Lauten-Früchte“ und „Hundert Geistliche Melodien Evangelischer Lieder“ in der Österreichischen Nationalbibliothek“ teile ich mit, dass unter sehr unglücklichen Umständen ein Student namens Emeram Wilhelm Agricola, das einmalige und mit 54 originalen Kupferstichen illustrierte Musikbuch aus dem Jahr 1676 aus Regensburg nach Wien brachte. Emeram Wilhelm Agricola muss den illustrierten Musikdruck mit den Kompositionen von Esaia Reusner zuvor als Geschenk erhalten haben, denn mittels forensischem ultraviolettem Licht konnte ich erstmalig auf dem inneren Buchdeckel die verblasste Widmung „Politissimo Juveni | DNO. EMERANO GULIELMO AG[RICO]LAE | Ex ultima voluntate | Suavissimi olim Fratris | D[..]elis (heu) Sui | In memoriam | […..] cum ipso, dum hic esset, amicitiae | Legabam | ins[c]rips[..] | G […] […]imus” sichtbar machen.

Emeram Wilhelm Agricola wurde am 13. November 1661 in Regensburg geboren, seinen Geburtseintrag konnte ich im Kirchenbuch der Stadt aufspüren. Nach Abschluss des Gymnasiums und Studium in der Facultas Juridica der Universitär Leyden, folgte er im Jahr 1686 dem Kurfürst Maximilian II Emanuel von Bayern, um dem Habsburgischen Kaiser im Kampf gegen das Türkische Heer und zur Befreiung Wiens beizustehen. So gelangte E.W. Agricola über Wien bis nach Ofen (heute Stadtteil von Budapest), wo er verwundet wurde. Dies konnte ich durch Studium alter Chroniken erfahren. Zurück in Wien, wurde Emeram Wilhelm Agricola im Haus der Gräfin von Seeau, geborene Freiin von Schwarzenhorn, in der noch heute so genannten Landskrongasse im Haus 548, gepflegt, bis er am 19. August des Jahres 1686 „an durchbruch vnd außgosßener gall“ stirbt. Sein Totenbeschauprotokoll hat sich im Archiv der Stadt Wien erhalten, genauso wie die Eintragung im Bahrleihbuch der Dompfarre St. Stephan zu Wien. Für 19,15 Gulden erhielt E.W. Agricola, obwohl evangelischen Glaubens, ein stattliches Nachtbegräbnis mit Bruderschaftsgeläut auf dem heute nicht mehr vorhandenen Friedhof direkt neben dem Stephansdom.

Der Lauf der Geschichte wollte es so, dass der Vater der Gräfin von Seeau, Freiherrn Rudolf Schmid von Schwarzenhorn, dadurch Weltgeschichte schrieb, als er 1651 als Botschafter des Kaisers dem Sultan Mehmed IV. als Geschenk 40 außerordentlich wertvolle Tulpenzwiebeln aus europäischen Züchtungen schenkte. Als jedoch die Türken im Jahr 1683 Wien wieder einmal erobern wollen, zerstören ihre Truppen die Herrschaft des ehemaligen Botschafters so vollständig, dass das Anwesen St. Margareten unbrauchbar und verkauft werden musste.

Im Rahmen der ‚Armaria nova’, geleitet durch den Kaiserlichen Präfekten Moritz Graf Dietrichstein, lässt sich dann der kostbare Musikdruck in der Sammlung des Augustinersaals der Hofburg in Wien nachweisen, und wurde dort im Eichenholzkasten Nr. 38 aufbewahrt. Die noch heute gültige Signatur „S.A.77.C.1“ erhielt der überreich bebilderte Musikdruck in der Folgezeit durch Anton Schmidt, dem neuen Skriptor von Moritz Graf Dietrichstein.

Ich finde, das ist eine tolle Geschichte, die das Leben schrieb?! Und Ihr könnt sie gern nachlesen (siehe untenstehenden link).

Beste Grüße eines Biochemikers aus Wien and alle Lautenfreunde.
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